Ups…

Lesedauer: 5 Minuten

Mit meinen Kund*innen diskutiere ich schon seit einiger Zeit die korrekte Ansprache und Benennung von weiblichen und männlichen Kontakten – und habe nun mit Erschrecken festgestellt, dass ich selbst seit Jahren ganz selbstverständlich in meinem Claim die (größere) Hälfte der Bevölkerung ausklammere: „Damit aus Lesern Versteher werden„. 😮
Ja, auch ich habe früher immer damit argumentiert, dass ich die weibliche Form nicht brauche und mich trotzdem mitgemeint fühle (schließlich fühl(t)e ich mich als emanzipierte und moderne Frau). Bis ich vor knapp zwei Jahren in einem Frauennetzwerk aktiv wurde und gemerkt habe, wie angenehm es ist, immer als Frau angesprochen zu werden. Und dass es eine andere Sichtbarkeit bedeutet. Denn: Das Gehirn verknüpft jedes gelesene oder gehörte Wort mit Bildern. Es kann gar nicht ohne Bilder denken. (Versuchen Sie mal, NICHT an einen rosa Elefanten zu denken… Dazu sogar einen eigenen Post.) Und wenn das Gehirn „Ärztin“ hört, erscheint (für den Bruchteil einer Sekunde) ein anderes Bild als „Arzt“, bei der „Köchin“ ein anderes Bild als beim „Koch“.

Seitdem setze ich mich dafür ein, die weiblichen Rollen auch in der Sprache sichtbar zu machen. Denn Sprache ist verräterisch. Ob es für bestimmte Eigenschaften, Umstände oder Situationen ein eigenes Wort gibt, lässt erkennen, ob dieses so wichtig ist, dass man es nicht umschreiben will, sondern einen eigenen Begriff dafür findet. So war es in der bäuerlichen Gesellschaft wichtig, bei den Nutztieren nicht nur zwischen Männlein und Weiblein zu unterscheiden, sondern bei den Männchen auch noch genauer hinzuschauen, ob sie sich noch fortpfanzen können. Bei Pferden gibt es nicht nur Stute, sondern eben auch Hengst und Wallach, bei Rindern neben der Kuh den Stier und den Ochsen.

Sichtbar im öffentlichen Leben waren über Jahrhunderte der Bäcker, der Metzger (je nach Region auch Schlachter oder Fleischer), der Müller und der Bauer. Die Frauen dahinter blieben im Haus und waren damit wenig präsent – auch in der Sprache. Wirklich interessant wird es , wenn man sich auf die Suche nach explizit weiblichen Berufsbezeichnungen begibt: Hebamme, Krankenschwester, Putzfrau und Zimmermädchen. Das waren über ähnlich lange Zeiträume die einzigen Berufe, in denen ausschließlich Frauen tätig – und damit sicht- und benennbar – waren.

Deshalb ist es jetzt dringend an der Zeit, der Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit die Sichtbarkeit in der Sprache (und damit im Gehirn eines jeden Rezipienten) folgen zu lassen. Durch explizite Erwähnung von Ingenieurinnen, Medizinerinnen, Dachdeckerinnen und Mechanikerinnen.

Und was bedeutet das jetzt für meine Unterzeile? Ich gebe zu: „Damit aus Leser*innen Versteher*innen werden“ ist nicht mehr kurz, prägnant und sprachlich elegant. Dazu konnte ich mich dann doch nicht durchringen. Auch den Partizipialkonstruktionen bringe ich nur begrenzte Begeisterung entgegen: „damit aus Lesenden Verstehende werden“ ist ähnlich sperrig. Und schließlich bin ich nicht nur eine Frau, sondern auch Sprachliebhaberin. Aber wie so oft kann man mit ein bisschen Nachdenken und Kreativität auf gute Lösungen kommen. Deshalb biete ich jetzt meine Arbeit an, „damit aus Lesen Verstehen wird“.

Pinker Holunderblütenduft II

Lesedauer: 1 Minute

Wobei wir direkt beim zweiten Fauxpas wären: kann ein Duft pinkfarben sein (außer in Comics und Animationsfilmen)? Eher nicht. Gemeint sind die rosafarbenen Blüten des Holunderstrauchs. Aber die wunderbare Eigenschaft der deutschen Sprache, beinah beliebige Wörter kombinieren zu können (mit immer wieder neuen Herausforderungen zu Getrennt-Zusammenschreibung), führt mitunter auch dazu, dass Begriffe in falsche Beziehung gesetzt werden.

Die Regel: Inhaltlich beschreibt ein vorangestelltes Adjektiv bei einem zusammengesetzten Wort immer dessen letzten Teil (genauso wie dieser übrigens das Geschlecht des Gesamtwortes bestimmt): die ergonomische Computertastatur, das dreilagige Toilettenpapier. Das leuchtet an vielen Stellen ein und niemand würde von beißenden Hundebesitzern oder einer klingelnden Telefonschnur sprechen.

Aber wie immer im Leben gibt es nicht nur Schwarz-Weiß: beim sauren Apfelkuchen könnte die Eigenschaft der Äpfel auf den ganzen Kuchen eingewirkt haben, eine kaputte Telefonzelle könnte nicht nur einen defekten Apparat, sondern auch eine eingeschlagene Tür haben. Auch sind wir recht tolerant und wissen aus Erfahrung, dass die grüne Pfeffersoße auf der Speisekarte eine helle Soße mit grünen Pfefferkörnern ist (und wären wohl sehr irritiert, wenn uns tatsächlich eine scharfe grüne Soße serviert würde). Auch bei abstrakten Begriffen, die es schwer machen, im Gehirn ein Bild zu erzeugen, merken wir den falschen Bezug oft gar nicht: atlantische Tiefausläufer schaffen es immer mal wieder in die Wettervorhersage.

Der Verzicht auf den vermeintlich gespreizten Genitiv führt zu inhaltlichen Ungenauigkeiten, die im besten Fall unfreiwillig komisch, aber oft ärgerlich und unnötig sind. Wäre es tatsächlich so schlimm, auf das Duschgel zu schreiben: mit Rosenwasser und dem Duft pinkfarbener Holunderblüten?*

*Wobei das jetzt eine Interpretation meinerseits ist – es könnte auch nur der Duft von Rosenwasser sein – ebenfalls ein Fall von Sprachverschleierung.