Aufgeesst!

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Ich bin immer wieder fasziniert vom kindlichen Spracherwerb. Mit welcher Leichtigkeit (und völlig ohne intellektuelle Kontrolle) dabei von Kleinkindern grammatikalische und sprachliche Regeln erkannt und ganz intuitiv angewendet werden. Zum Beispiel beim Konjugieren der Verben durch die Zeiten.

Bei regelmäßigen Verben wird im Deutschen in der ersten Person (also ich…) die einfache Vergangenheitsform durch Einfügen eines t gebildet: ich spiele – ich spielte. Das Partizip Perfekt Passiv (wichtig für die beiden anderen Vergangenheitsformen mit haben) wird durch die Vorsilbe ge- und ein -t am Ende gebildet: ich habe/hatte gespielt.

Dieses Muster wird von Zwei- bis Dreijährigen sehr schnell erkannt und konsequent angewendet: „Wir haben auf dem Bett getobt.“ Oder: „Ich habe Timmi einen Keks geschenkt.“ Die Trefferquote ist erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass gerade die häufigsten und fundamentalen Tätigkeiten eines Kindes unregelmäßig gebildet werden: essen, aß, gegessen – trinken, trank, getrunken – laufen, lief, gelaufen – vorlesen, vorlas, vorgelesen – fahren, fuhr, gefahren – sehen, sah, gesehen.

Sollte Euer Kind deshalb bei seinen ersten Wörtern oder Sätzen mal stolz sagen: „Ich habe alles aufgeesst“, dann lobt es innerlich dafür, dass es die Regel schon erkannt hat und bestätigt liebevoll: „Stimmt, Du hast alles aufgegessen.“

Denn vielleicht wird irgendwann einmal aus diesem starken auch ein schwaches Verb, das nur noch regelmäßig gebeugt wird. So wie es dem Fragen und dem Backen bereits passiert ist, denn die Zeiten sind vorbei, in dem jemand nach einem Rezept frug und anschließend einen Kuchen buk

PS: Und um das auch noch klarzustellen: Niesen ist ein schwaches Verb, das als Partizip ganz regelkonform zu nieste, geniest gebeugt wird. Die Partizipialform genossen gehört zum Infinitiv genießen!

#LebenWieSauerteig

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Unter diesem Hashtag hat die lebensbejahende Margaretha Schedler zu einer Blogparade eingeladen. Wir wurden aufgefordert, unsere Assoziationen zu „Das Leben ist wie Sauerteig“ aufzuschreiben.

Wenn ich mir aber das Hashtag #LebenWieSauerteig betrachte, kann es auch anders gelesen werden; und als Wortfrau beschäftige ich mich natürlich besonders gern mit den verschiedenen Bedeutungen von Worten. 🙂
Das Leben oder leben? Substantiv oder Verb, Analogie oder Aufforderung?

Ich entscheide mich für Letzteres, da mir kein pfiffiges Bonmot à la „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel“ zum Sauerteig einfällt.

Aber was bedeutet es denn, zu leben wie ein Sauerteig? Muss ich mir da das Wort Sauerteig nicht auch nochmal genauer anschauen? Der Wortteil sauer als ein Gegenteil von süß bedeutet im übertragenen Sinn ja auch mühevoll, beschwerlich bzw. bei Menschen auch mürrisch oder unzufrieden. Mmh. Das möchte ich eigentlich nicht als Lebensmotto.

Aber: Sauer macht lustig, sagt der Volksmund.* Und in Zeiten vor Konservendosen und Gefriertruhen waren die Menschen heilfroh, dass man mithilfe von saurem Essig Lebensmittel haltbar machen und so den Winter überleben konnte. Ohne Sauerstoff** könnten wir schon im Sommer nicht überleben.
Also ein durchaus ambivalentes Wort, das sowohl negativ als auch positiv assoziiert wird, ja sogar dem Gas, das Grundlage allen Lebens ist, seinen Namen gegeben hat.

Ups, das hatte ich auf den ersten Blick gar nicht so erwartet, obwohl ich süß-sauren Gerichten sehr zugetan bin und durchaus die Akzente von Säure beim Essen zu schätzen weiß.

Nicht von heute auf morgen

Im Sauerteig wiederum sorgen die Hefen dafür, dass sich Säuren bilden und daraus Kleinstlebewesen, die durch ihren Stoffwechsel für die lockere Konsistenz und den würzigen Geschmack des fertigen Brotes verantwortlich sind.
Doch das passiert – und das darf wörtlich genommen werden – nicht von heute auf morgen. Es braucht seine Zeit. Durch Achtsamkeit und Wärme kann die Entwicklung unterstützt werden, durch Vernachlässigung und Kälte verlangsamt sich der Prozess oder kommt gar ganz zum Erliegen. Angeblich soll Einfrieren zur Konservierung möglich sein, doch fürchte ich um bleibende Schäden oder zumindest Einbußen bei der Qualität – beim Teig wie im Leben.

Andere Menschen zum Lachen bringen, ihnen beim (Über)Leben helfen, achtsam und wärmend, mit der nötigen Muße und Gelassenheit und hinterher ein wohliges Gefühl der Sättigung hinterlassend – so will ich leben wie ein Sauerteig. Guten Appetit!

*Die Redewendung hieß ursprünglich Sauer macht gelüstig und bezog sich darauf, dass säuerliche Lebensmittel den Appetit anregen. Tatsächlich gelten Säuren im Essen als appetit- und geschmacksfördernd. Zudem wirken sie positiv auf die Verdauung.

**Das chemische Element erhielt seinen Namen aufgrund des sauren Charakters vieler Oxyde vom französischen oxygéne für „Säuremacher“.

Eine Frage des Geschlechts

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Schon als Kind habe ich James Krüss geliebt. Das Buch „Mein Urgroßvater und ich“ hat mir erste Einblicke in die Schönheit und Kraft von Wörtern gegeben (die viel mehr sind als Schall und Rauch). Besonders angetan hatte es mir die Geschichte von den Wipp-Wapp-Häusern, die erzählt, wie Sprachgelehrte aus aller Welt versuchten, sinnvoll das grammatikalische Geschlecht (Genus) für die Wörter ihrer Muttersprache festzulegen.

Der Engländer zum Beispiel machte es sich einfach und legte fest, dass alles „the“ heißt. Der chinesische Abgesandte (und mit ihm einige andere) ließ den Artikel ganz weg, denn „weise Leute wüssten von selbst, ob ein Hauptwort männlich, weiblich oder sächlich sei“. Die Italiener, Franzosen, Spanier und Portugiesen und etliche andere Sprachgelehrte einigten sich auf nur zwei Geschlechter und waren ebenfalls schnell fertig.

Zu guter Letzt blieben die deutschsprachigen Vertreter übrig, und es begann eine intensive Diskussion (beispielsweise hier nachzulesen) über jedes einzelne Wort. Jedes behandelte Wort wurde dabei auf einen Stein geschrieben und in einen von drei Körben geworfen. Dabei war es eigentlich so gedacht, dass die Verteilung der Wörter auf die Geschlechter gleichmäßig erfolgen sollte (denn man befand sich auf einer riesigen Wippe, dem Überrest des Babylonischen Turmes), aber hin und wieder kam es vor, dass ein Korb ein gefährliches Übergewicht bekam, und so landeten – um einen Absturz zu verhindern – auch immer wieder Wörter aus dem gleichen Zusammenhang in ganz unterschiedlichen Körben. Und nur so ist es zu erklären, dass es im Deutschen bis heute der Mund, die Nase, das Auge sowie das Ohr, der Hals und die Stirn heißt.

Als Kind fand ich das absolut einleuchtend. 🙂

Aber da ich es liebe, Regelmäßigkeiten und Muster zu erkennen, habe ich mich damit doch im späteren Leben nicht zufrieden gegeben und doch ein paar Regeln gefunden, nach denen man mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit (Ausnahmen bestätigen dabei fast immer die Regel) das Geschlecht eines Wortes an seiner Endung erkennen kann.

So ist es recht wahrscheinlich, dass es sich bei Worten mit der Endung –ling (der Frühling), -ich oder –ig (der Teppich, der König), auf –el (der Vogel), -er (der Lehrer) oder -us (der Korpus) um maskuline Worte handelt.  

Ebenfalls hohe Trefferquoten erzielt die Annahme, dass man bei Worten mit den Endungen –ung (die Heizung), –schaft (die Belegschaft), –heit/-keit (die Gesundheit, die Fröhlichkeit), –tät (die Universität) und –ik (die Musik), –anz/-enz (die Akzeptanz, die Essenz), -ie (die Phantasie) und -e (die Flasche – prominente Ausnahmen: der Drache und das Auge) feminine Worte vor sich hat.

Typisch wiederum für neutrale Nomen sind die Endungen –um (das Universium), –ment (das Experiment) und –ma (das Thema) sowie immer die Verniedlichungsendungen -chen/-lein (das Mädchen, das Schneiderlein). Auch substantivierte Verben (das Sitzen, das Schreiben) sind immer sächlich.

Warum es aber die Uhr, der Stein oder das Buch heißt, ist ein weites Feld für Sprachforscher und Etymologen. Und ob das einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat, weil wir unbewusst diesen Gegenständen entsprechend weibliche oder männliche Attribute zusprechen, hat sogar schon Forscher interessiert.

Bemerkenswert finde ich allerdings, dass im Deutschen im Gegensatz zu vielen Sprachen drumherum die Sonne weiblich und der Mond männlich ist.

Das Maß aller Dinge

Lesedauer: <1 Minute

Ups, da habe ich doch neulich geschrieben, „dass generell bei Maßeinheiten nicht die Mehrzahl verwendet wird“. Meine Beispiele waren Hektar, Meter, Kilogramm oder Euro.

Tatsächlich habe ich dann mal die Grammatikregel 90 in meinem Duden nachgelesen und fand mich einerseits bestätigt, dass Maß-, Mengen- und Währungsbezeichnungen allgemein nicht gebeugt werden. Aber andererseits las ich die Erklärung einer Ausnahme, auf die ich auch schon beim Überprüfen meiner Behauptung gestoßen war: „Weibliche Bezeichnungen, die auf -e enden, werden immer gebeugt“. Deshalb heißt beispielsweise zwei Tonnen oder 100 norwegische Kronen. Aber es bleibt bei 20 Dollar, 5 Grad Außentemperatur oder 10 Paar Schuhen.

Und manchmal entstehen in der Alltags- und Umgangssprache ganz eigene Pluralbildungen: Der Euro bekommt nicht nur gerne mal als Euros ein -s angehängt, wenn es um mehrfaches Vorhandensein geht, sondern salopp spricht man auch schon mal von Euronen.

Jeden Morgen geht die Sonne auf

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Jeden Morgen geht die Sonne auf

Oft stolpere ich über Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache beim Formulieren neuer Texte. So wollte ich mich neulich über das montägliche Gejammer zum Beginn der neuen Woche aufregen (hat man nicht eindeutig den falschen Beruf, wenn der Start in die Arbeitswoche immer so schrecklich ist – und sollte man dann nicht lieber daran etwas ändern als darüber zu lamentieren? Aber das wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag…).

Kein Plural von Morgen?!

Jedenfalls wollte ich schreiben, dass ich mich schon viele Morgen darüber geärgert hätte. Und dann bin ich an dem Wort „Morgen“ hängen geblieben, das sich im Plural sehr seltsam anhörte und -fühlte. Und tatsächlich: Ich kann problemlos von „allen Tagen“ oder „den meisten Abenden“ schreiben, aber „an allen Morgen“ ist seeehr – ungebräuchlich. Ich habe dann im Duden nachgeschlagen: Es ist nicht falsch, es gibt einen Plural von Morgen und er lautet „die Morgen“ – aber aus dem Sprachgebrauch ist er völlig verschwunden. (Oder er war nie drin, das habe ich noch nicht herausgefunden.)

Auch das Flächenmaß „Morgen“ war in Deutschland nur bis vor etwa 120 Jahren gebräuchlich. Tatsächlich beruht die Festlegung der Einheit darauf, welche Fläche mit einem einscharigen Pferdepflug an einem Vormittag gepflügt werden kann. Und dies war – je nach Beschaffenheit des Bodens – recht unterschiedlich, zwischen etwa einem Viertel und einem halben Hektar. Im Zusammenhang mit „drei Morgen Land“ klingt der Plural auch nicht ungewöhnlich im Ohr – generell werden Maßeinheiten ja nicht in der Mehrzahl verwendet, sondern es heißt (fast) immer Meter, Kilogramm oder Euro.

Zurück zur Tageszeit, um die es eigentlich in diesem Beitrag gehen soll. Es gibt natürlich Möglichkeiten, zumindest Regelmäßigkeiten am Morgen auszudrücken: Durchaus üblich ist die Wendung jeden Morgen oder immer morgens.

Generell habe ich hier übrigens über „der Morgen“ geschrieben. „Das Morgen“ als Synonym für die Zukunft gibt es tatsächlich nur im Singular – genauso wie das „das Gestern“ und „das Heute“.