#LebenWieSauerteig

Lesedauer: 2 Minuten

Unter diesem Hashtag hat die lebensbejahende Margaretha Schedler zu einer Blogparade eingeladen. Wir wurden aufgefordert, unsere Assoziationen zu „Das Leben ist wie Sauerteig“ aufzuschreiben.

Wenn ich mir aber das Hashtag #LebenWieSauerteig betrachte, kann es auch anders gelesen werden; und als Wortfrau beschäftige ich mich natürlich besonders gern mit den verschiedenen Bedeutungen von Worten. 🙂
Das Leben oder leben? Substantiv oder Verb, Analogie oder Aufforderung?

Ich entscheide mich für Letzteres, da mir kein pfiffiges Bonmot à la „Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel“ zum Sauerteig einfällt.

Aber was bedeutet es denn, zu leben wie ein Sauerteig? Muss ich mir da das Wort Sauerteig nicht auch nochmal genauer anschauen? Der Wortteil sauer als ein Gegenteil von süß bedeutet im übertragenen Sinn ja auch mühevoll, beschwerlich bzw. bei Menschen auch mürrisch oder unzufrieden. Mmh. Das möchte ich eigentlich nicht als Lebensmotto.

Aber: Sauer macht lustig, sagt der Volksmund.* Und in Zeiten vor Konservendosen und Gefriertruhen waren die Menschen heilfroh, dass man mithilfe von saurem Essig Lebensmittel haltbar machen und so den Winter überleben konnte. Ohne Sauerstoff** könnten wir schon im Sommer nicht überleben.
Also ein durchaus ambivalentes Wort, das sowohl negativ als auch positiv assoziiert wird, ja sogar dem Gas, das Grundlage allen Lebens ist, seinen Namen gegeben hat.

Ups, das hatte ich auf den ersten Blick gar nicht so erwartet, obwohl ich süß-sauren Gerichten sehr zugetan bin und durchaus die Akzente von Säure beim Essen zu schätzen weiß.

Nicht von heute auf morgen

Im Sauerteig wiederum sorgen die Hefen dafür, dass sich Säuren bilden und daraus Kleinstlebewesen, die durch ihren Stoffwechsel für die lockere Konsistenz und den würzigen Geschmack des fertigen Brotes verantwortlich sind.
Doch das passiert – und das darf wörtlich genommen werden – nicht von heute auf morgen. Es braucht seine Zeit. Durch Achtsamkeit und Wärme kann die Entwicklung unterstützt werden, durch Vernachlässigung und Kälte verlangsamt sich der Prozess oder kommt gar ganz zum Erliegen. Angeblich soll Einfrieren zur Konservierung möglich sein, doch fürchte ich um bleibende Schäden oder zumindest Einbußen bei der Qualität – beim Teig wie im Leben.

Andere Menschen zum Lachen bringen, ihnen beim (Über)Leben helfen, achtsam und wärmend, mit der nötigen Muße und Gelassenheit und hinterher ein wohliges Gefühl der Sättigung hinterlassend – so will ich leben wie ein Sauerteig. Guten Appetit!

*Die Redewendung hieß ursprünglich Sauer macht gelüstig und bezog sich darauf, dass säuerliche Lebensmittel den Appetit anregen. Tatsächlich gelten Säuren im Essen als appetit- und geschmacksfördernd. Zudem wirken sie positiv auf die Verdauung.

**Das chemische Element erhielt seinen Namen aufgrund des sauren Charakters vieler Oxyde vom französischen oxygéne für „Säuremacher“.

Pinker Holunderblütenduft II

Lesedauer: 1 Minute

Wobei wir direkt beim zweiten Fauxpas wären: kann ein Duft pinkfarben sein (außer in Comics und Animationsfilmen)? Eher nicht. Gemeint sind die rosafarbenen Blüten des Holunderstrauchs. Aber die wunderbare Eigenschaft der deutschen Sprache, beinah beliebige Wörter kombinieren zu können (mit immer wieder neuen Herausforderungen zu Getrennt-Zusammenschreibung), führt mitunter auch dazu, dass Begriffe in falsche Beziehung gesetzt werden.

Die Regel: Inhaltlich beschreibt ein vorangestelltes Adjektiv bei einem zusammengesetzten Wort immer dessen letzten Teil (genauso wie dieser übrigens das Geschlecht des Gesamtwortes bestimmt): die ergonomische Computertastatur, das dreilagige Toilettenpapier. Das leuchtet an vielen Stellen ein und niemand würde von beißenden Hundebesitzern oder einer klingelnden Telefonschnur sprechen.

Aber wie immer im Leben gibt es nicht nur Schwarz-Weiß: beim sauren Apfelkuchen könnte die Eigenschaft der Äpfel auf den ganzen Kuchen eingewirkt haben, eine kaputte Telefonzelle könnte nicht nur einen defekten Apparat, sondern auch eine eingeschlagene Tür haben. Auch sind wir recht tolerant und wissen aus Erfahrung, dass die grüne Pfeffersoße auf der Speisekarte eine helle Soße mit grünen Pfefferkörnern ist (und wären wohl sehr irritiert, wenn uns tatsächlich eine scharfe grüne Soße serviert würde). Auch bei abstrakten Begriffen, die es schwer machen, im Gehirn ein Bild zu erzeugen, merken wir den falschen Bezug oft gar nicht: atlantische Tiefausläufer schaffen es immer mal wieder in die Wettervorhersage.

Der Verzicht auf den vermeintlich gespreizten Genitiv führt zu inhaltlichen Ungenauigkeiten, die im besten Fall unfreiwillig komisch, aber oft ärgerlich und unnötig sind. Wäre es tatsächlich so schlimm, auf das Duschgel zu schreiben: mit Rosenwasser und dem Duft pinkfarbener Holunderblüten?*

*Wobei das jetzt eine Interpretation meinerseits ist – es könnte auch nur der Duft von Rosenwasser sein – ebenfalls ein Fall von Sprachverschleierung.

Pinker Holunderblütenduft?!

Lesedauer: 1 Minute

Manchmal glaube ich, dass Werbetexter die natürlichen Feinde der Sprachliebhaber sind (dicht gefolgt von Bürokraten, Juristen und Verwaltungsbeamten). Aber in zwei Worten gleich zwei Regeln nicht zu beachten, ist schon fast wieder eine Kunst!
Und gibt mir die Möglichkeit, gleich zwei Blogbeiträge (hier geht’s zum zweiten) zu schreiben, denn jede Regel für sich ist definitiv einen Post wert.

Beginnen wir mit dem ersten Wort. Tatsächlich kann man im Deutschen nur die Grundfarben sowie schwarz, weiß und grau beugen (=deklinieren): das rote Haus, den blauen Himmel, in dem grünen Wald. Alle anderen Farbzwischentöne (deren Namen häufig von Substantiven abgeleitet sind) werden beim Wandern durch die Fälle grammatikalisch korrekt nicht verändert: die rosa Wolke, der anthrazit Pullover, die pink Blüte.

Okay, gerade die beiden letzten klingen einfach falsch in den Ohren – deshalb darf und sollte man sich mit einem „Wordaround“ helfen: der beigefarbene Teller, die fliederfarbene Tischdecke. Das Anhängen von -ne (lilane) oder -e (orange) mag verlockend sein, ist aber falsch. Auch, wenn sich rosane Leggins in der Alltagssprache fest etabliert haben, sollte man im geschriebenen Wort darauf verzichten. Ebenso auf den pinken Duft.

(Wen es interessiert: Das Wort pink geht übrigens auf das englische Wort für Nelke zurück. Und noch mehr Beispiele für Farbbezeichnungen hat der wunderbare Kollege Bastian Sick schon 2014 in seiner Zwiebelfisch-Kolumne gesammelt.)

Hätte, hätte…

Lesedauer: 1 Minute

2020 wird als Jahr des Konjunktivs in die Geschichte eingehen. Nun, würde es vielleicht, wenn es Covid-19 nicht gegeben hätte. Aber dann wäre es auch kein Jahr der Konjunktive geworden. Womit wir schon mitten beim Thema wären: Spätestens jetzt im Mai denke ich bei jedem Blick in den Kalender: Heute hätten wir… Nächste Woche wären wir…

Und da behauptet doch mein Grammatikbuch: „Im Vergleich mit den indikativischen Formen stellen konjunktivische eher die Ausnahme dar.“ (Gut, der Duden ist aus der Vor-Coronazeit – ich möchte behaupten, es war noch nie so viel Hätte, hätte wie heute.)

Dieser so genannte Konjunktiv II drückt „Irrealitäten und Potenzialitäten“ aus und (ich muss einfach nochmal den Duden zitieren) er „dient als Zeichen dafür, dass der Sprecher/Schreiber seine Aussage nicht als Aussage über Wirkliches, über tatsächlich Existierendes verstanden wissen will, sondern als eine gedankliche Konstruktion…“ Mmh. Bis vor acht Wochen waren Eintrittskarten für ein Fußballspiel der Euro 2020 oder das Festival Rock am Ring doch deutlich mehr als eine gedankliche Konstruktion?! Aber nun sind sie nur noch Fiktion, gebunden an den Konditionalsatz „Wenn der Virus nicht wäre, dann könnten wir …“

Hätte, hätte, Fahrradkette… sagt der Volksmund lapidar, um zu beschreiben, dass das Geschehene nun mal nicht zu ändern ist. Aber wenigstens  habe ich jetzt nochmal nachgeschlagen, dass dieser – im Jahr 2020 doch sehr häufig genutzte – Konjunktiv auch Cuniunctivus irrealis oder Coniunctivus potentialis genannt wird.

Und was ist mit dem Konjunktiv I (ich sei, er möge, du habest)? Er wird besonders oft und regelmäßig in der indirekten Rede gebraucht, zum Beispiel in Zeitungsartikeln oder sonstigen Berichten über vergangene Ereignisse. Und außerdem in mathematischen Fachtexten, in Anweisungen und Anleitungen wie zum Beispiel Kochrezepten: „Man nehme 500 g Mehl…“

Eine Verbeugung vor der Sprache

Lesedauer: 3 Minuten

Wir tun es täglich, ohne dass es uns bewusst ist – wir (ver)beugen uns vor der Sprache. Denn ohne die Beugung (Lat. Deklination) von Substantiven funktioniert die deutsche Sprache nur halb so gut (und sie ist eine der großen Herausforderungen für alle, die Deutsch nicht als Muttersprache erlernen).

Je nachdem, welche Rolle wir einem Wort zuweisen, müssen wir seine Endung ändern (zumindest beim Artikel). Der Mann liebt die Frau ist eben eine andere Aussage als Die Frau liebt den Mann (vom Inhaltlichen mal ganz zu schweigen… ;-).

Im Deutschen gibt es vier Rollen, genannt Fälle, die Substantive einnehmen können. Der Nominativ spielt quasi die Hauptrolle, jede handelnde Person, Subjekt genannt, wird im Nominativ gebildet: „Der Mann liebt.“ (Oder im Plural „Die Männer lieben“.)
Die wichtigsten Nebenrollen haben der Akkusativ und der Dativ inne. Denn jedem Verb im Deutschen wird ein nachfolgendes Objekt (der Handlung) zugewiesen, entweder im Akkusativ oder im Dativ. Wen oder was liebt der Mann? fragt nach dem Akkusativ. Wem gehört die Liebe des Mannes? fragt nach dem Dativ.

Aber nicht nur für jedes Verb gibt es einen festgelegten Folgefall, auch Präpositionen (Verhältniswörter, z.B. an, auf, unter) ist in der Regel festgelegt, welcher Fall zu folgen hat. Nettes Gimmick der deutschen Sprache: Man kann bei vielen Präpositionen am Fall unterscheiden, ob man einen Ort oder eine Richtung ausdrücken will. Die Richtung wird mit Akkusativ gebildet, der Ort mit Dativ. Ich gehe auf die Straße (Richtung), aber Ich gehe auf der Straße spazieren (Ort). Das Publikum sitzt vor dem Vorhang (Ort), die Schauspieler treten vor den Vorhang (Richtung).

Doch zurück zu den Fällen, denn da fehlt doch noch einer? Vor fast 20 Jahren setzte Bastian Sick mit seiner Zwiebelfisch-Kolumne und der daraus folgenden Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod dem zweiten Fall, dem Wes-Fall, ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich kommt der Genitiv etwas gespreizt daher. Er verweigert Verben die plumpe Gefolgschaft und auch bei Präpositionen behält er sich eine kleine, aber feine Gesellschaft vor (während, in Folge, wegen, um… Willen). Der Wes-Fall kennzeichnet hauptsächlich Zugehörigkeiten (und wird da umgangssprachlich häufig von „dem seine“ ersetzt). Ein minimaler Satzbau kommt deshalb häufig ohne ihn aus. Hinzukommt, dass Behörden und Institutionen den Genitiv lieben (vor allem in Kombination mit Substantivierungen), was dazu beiträgt, Genitiv-Konstruktionen als monströs und wenig konkret zu empfinden: die Anordnung der Aufhebung des Erlasses… verführt niemanden zum Weiterlesen. Dabei tut man dem armen Genitiv ein wenig Unrecht, denn eigentlich will er doch nur auf prägnante Weise Beziehungen deutlich machen: Der Mann liebt die Herzensgüte der Frau.

Texte sind Kino im Kopf

Lesedauer: <1 Minute

Ich habe es ja schon mal kurz angedeutet: Jedes gelesene Wort erzeugt sofort ein Bild im Kopf. Und das gilt nicht nur für Romane und Gedichte, sondern auch für Sachtexte oder kurze Beschreibungen auf der Internetseite.
Wie das funktioniert, zeige ich hier mal an dem Beispiel einer recht abstrakten Ausgangsinformation, die je nach verwendeten Synonymen oder auch zusätzlichen beschreibenden Adjektiven ganz unterschiedliche Bilder und Stimmungen beim Leser erzeugt.

Die Ausgangsinformation: An einem Waldrand steht ein Gebäude.

Varianten:

  • Am Rand des Tannenwaldes steht ein Haus.
  • Fröhlich leuchten die roten Fensterrahmen des Einfamilienhauses vor dem Hintergrund des sattgrünen Buchenwaldes.
  • Die elegante Villa am Waldrand besitzt 20 Zimmer.
  • Wie ein verwunschenes Hexenhaus duckt sich die Kate unter die Bäume des Waldrands.
  • Die eingefallenen Ruinen der Fabrik locken Tiere und Vögel aus dem nahegelegenen Wald.
  • Vier Fenster hat das Haus nach vorne, mit denen es Besucher freundlich anschaut. Der hintere Teil ist wegen des umgebenden Waldes noch nicht zu erkennen.
  • Die gehobene Immobilie in ruhiger Lage mitten in der Natur wurde im Jahr 1980 erbaut.
  • In der mondlosen Nacht ist die heruntergekommene Baracke vor den dunklen Schatten der Tannen und Fichten kaum zu erkennen.
  • Das ehemalige Heim der Familie ist mittlerweile von den Ausläufern des nahen Waldes fast vollständig umgeben.
  • Ein mondänes Herrenhaus in viktorianischem Baustil erhebt sich vor der Silhouette des nahen Eichenwalds.

Fallen Euch noch weitere Varianten ein?

Die Qual des Autors

Lesedauer: 2 Minuten

Eine meiner Grundüberzeugungen als Journalistin und Lektorin ist, dass sich beim Schreiben und Lesen immer nur einer quälen sollte, und zwar der Schreiber. Der fertige Text muss so klar, dass der Leser ihn ohne großes Nachdenken vollständig erfassen kann (wenn ihn das Thema interessiert). Im Internet gilt sogar die goldene Regel „don’t make me think“ – denn bevor der Seitenbesucher darüber nachdenken muss, wo er jetzt die gesuchte Information auf der Seite wohl finden könnte, ist er meist schon wieder weg.

Deshalb singe ich auch das hohe Lied der korrekten Zeichensetzung. Kommata und andere Satzzeichen helfen nicht nur beim Strukturieren eines Textes, sie machen auch die inhaltliche Erfassung einfacher – wenn sie an der richtigen Stelle sitzen.

Auch von konsequenter Klein- oder Großschreibung rate ich ab. Gerade Vielleser erfassen nicht einzelne Wörter (geschweige denn Buchstaben), sondern oft komplette Sätze. Und der wiedererkennungseffekt bei korrekter groß- und kleinschreibung ist um ein vielfaches höher als bei individueller auslegung der orthografie. Außerdem mag ich nicht in einem Fließtext ANGEBRÜLLT werden.:-o

Ja, manchmal ist es eine Quälerei, bis der Text fertig ist und sich so liest und anfühlt, wie man sich das vorgestellt hat. (Gutes Testmittel: Einmal den Text laut vorlesen, dann findet man Stolperstellen schnell und auch Tippfehler werden nicht so einfach überlesen). Manchmal hilft es auch, mal eine Pause einzulegen und den Text einen Tag beiseite zu legen und sich dann erneut vorzunehmen.

Aber jeder, der schreibt, sollte sich immer wieder bewusstmachen, dass wir alle viel mehr lesen als schreiben. Wir schreiben einmal Olivenöl auf den Einkaufszettel und haben im Supermarkt die Auswahl zwischen zehn verschiedenen Marken.
Von einer Person geschrieben, wird ein Text vielleicht von Dutzenden oder sogar Hunderten Besuchern gelesen. Und wenn sich nur jeder Zehnte dann nicht über fehlende Kommata ärgern muss, ist das doch die Quälerei wert, oder?

Wenn Sprache als Verkleidung genutzt wird

Lesedauer: 3 Minuten

Wer von seinen Lesern verstanden werden will, sollte so konkret wie möglich schreiben. Denn ganz automatisch und unbewusst versucht das Gehirn beim Lesen alle aufgenommenen Wörter in Bilder zu übersetzen. Und je besser und genauer die Bilder sind, die im Lesergehirn erzeugt werden, umso einfacher wird der Inhalt behalten und verstanden.
Fun fact am Rande: Für das Wort „nicht“ gibt es kein Bild – deshalb bleibt im Gehirn bei Aufforderungen oder Anweisungen mit „nicht“ eher positive Aussage hängen als dessen Verneinung. So ist es erfolgversprechender zu rufen: „Steig auf die dicken Zweige!“ statt zu sagen „Steig nicht auf die dünnen Zweige!“.

Dabei scheint der Trend im Zuge von Political Correctness zu immer mehr Abstrahierungen und Verallgemeinerungen zu gehen. An Niederschlag, Erziehungsberechtigte und Studierende haben wir uns im Wetterbericht, Mitteilungen der Schule und Nachrichten gewöhnt. Und trotzdem erzählen wir Freunden eher vom Wolkenbruch, regen uns über unfähige Mit-Eltern auf oder lästern über Studenten, die bis mittags schlafen.

Wunderbar verschleiern kann man Aussagen und Informationen durch Substantivierungen. Sehr beliebt sind sie z.B. als Stichworte in Meetingprotokollen. Doch mangelt es dann dort häufig an der konkreten Aufgabe (und niemand fühlt sich zuständig). Wurde nur notiert „Klärung der Dekoration“, weiß nach zwei Wochen schon niemand mehr, ob das nun das Ergebnis oder das To-do war – und wenn letzteres, wer es eigentlich machen soll (geschweige denn bis wann und mit welchem Budget…). Zugegeben, mit entsprechende Spalten in der Protokollvorlage kann man sich helfen, aber was spricht gegen den einfachen Satz: „Uwe kümmert sich bis zum nächsten Treffen darum, dass das Budget für die Dekoration geklärt ist“?  Das können sich dann sogar alle Teilnehmer ohne Protokoll merken. 😉

Substantivierungen werden aber auch gerne bei Meinungsmache und diffusen Behauptungen benutzt. So wie in der Überschrift des Artikels. Ich muss nicht sagen, wer tatsächlich die Sprache als Verkleidung benutzt (und die aktive Formulierung wenn Sprache sich verkleidet ist sogar falsch, denn wir Menschen benutzen ja die Sprache, nicht sie sich selbst). Ich behaupte das einfach, am besten noch als Passivkonstruktion, was immer eine gewisse Hilflosigkeit und Opferrolle signalisiert, und schon steht die Aussage in der Welt.
Die Steigerung wäre dann die Ergänzung Immer mehr, die suggeriert, dass sich da etwas (Ungutes) entwickelt. Diese Unart kommt leider aus dem Journalismus: Damit ein Thema eine Meldung wert ist, muss ein neuer Aspekt oder eine Veränderung benannt werden – denn wenn es genauso ist wie früher, ist es keine Nachricht wert.

„Iss, was gar ist, trink, was klar ist, sprich, was wahr ist“ soll Martin Luther geraten haben. Da ich hochprozentigen Schnaps überhaupt nicht trinke, würde ich es so umformulieren: „Iss, was gar ist, sprich, was wahr ist, schreib, was klar ist.“

Eine Frage des Geschlechts

Lesedauer: 3 Minuten

Schon als Kind habe ich James Krüss geliebt. Das Buch „Mein Urgroßvater und ich“ hat mir erste Einblicke in die Schönheit und Kraft von Wörtern gegeben (die viel mehr sind als Schall und Rauch). Besonders angetan hatte es mir die Geschichte von den Wipp-Wapp-Häusern, die erzählt, wie Sprachgelehrte aus aller Welt versuchten, sinnvoll das grammatikalische Geschlecht (Genus) für die Wörter ihrer Muttersprache festzulegen.

Der Engländer zum Beispiel machte es sich einfach und legte fest, dass alles „the“ heißt. Der chinesische Abgesandte (und mit ihm einige andere) ließ den Artikel ganz weg, denn „weise Leute wüssten von selbst, ob ein Hauptwort männlich, weiblich oder sächlich sei“. Die Italiener, Franzosen, Spanier und Portugiesen und etliche andere Sprachgelehrte einigten sich auf nur zwei Geschlechter und waren ebenfalls schnell fertig.

Zu guter Letzt blieben die deutschsprachigen Vertreter übrig, und es begann eine intensive Diskussion (beispielsweise hier nachzulesen) über jedes einzelne Wort. Jedes behandelte Wort wurde dabei auf einen Stein geschrieben und in einen von drei Körben geworfen. Dabei war es eigentlich so gedacht, dass die Verteilung der Wörter auf die Geschlechter gleichmäßig erfolgen sollte (denn man befand sich auf einer riesigen Wippe, dem Überrest des Babylonischen Turmes), aber hin und wieder kam es vor, dass ein Korb ein gefährliches Übergewicht bekam, und so landeten – um einen Absturz zu verhindern – auch immer wieder Wörter aus dem gleichen Zusammenhang in ganz unterschiedlichen Körben. Und nur so ist es zu erklären, dass es im Deutschen bis heute der Mund, die Nase, das Auge sowie das Ohr, der Hals und die Stirn heißt.

Als Kind fand ich das absolut einleuchtend. 🙂

Aber da ich es liebe, Regelmäßigkeiten und Muster zu erkennen, habe ich mich damit doch im späteren Leben nicht zufrieden gegeben und doch ein paar Regeln gefunden, nach denen man mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit (Ausnahmen bestätigen dabei fast immer die Regel) das Geschlecht eines Wortes an seiner Endung erkennen kann.

So ist es recht wahrscheinlich, dass es sich bei Worten mit der Endung –ling (der Frühling), -ich oder –ig (der Teppich, der König), auf –el (der Vogel), -er (der Lehrer) oder -us (der Korpus) um maskuline Worte handelt.  

Ebenfalls hohe Trefferquoten erzielt die Annahme, dass man bei Worten mit den Endungen –ung (die Heizung), –schaft (die Belegschaft), –heit/-keit (die Gesundheit, die Fröhlichkeit), –tät (die Universität) und –ik (die Musik), –anz/-enz (die Akzeptanz, die Essenz), -ie (die Phantasie) und -e (die Flasche – prominente Ausnahmen: der Drache und das Auge) feminine Worte vor sich hat.

Typisch wiederum für neutrale Nomen sind die Endungen –um (das Universium), –ment (das Experiment) und –ma (das Thema) sowie immer die Verniedlichungsendungen -chen/-lein (das Mädchen, das Schneiderlein). Auch substantivierte Verben (das Sitzen, das Schreiben) sind immer sächlich.

Warum es aber die Uhr, der Stein oder das Buch heißt, ist ein weites Feld für Sprachforscher und Etymologen. Und ob das einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat, weil wir unbewusst diesen Gegenständen entsprechend weibliche oder männliche Attribute zusprechen, hat sogar schon Forscher interessiert.

Bemerkenswert finde ich allerdings, dass im Deutschen im Gegensatz zu vielen Sprachen drumherum die Sonne weiblich und der Mond männlich ist.

Dies und das

Lesedauer: 1 Minute

Oder lieber dieses und jenes? Inhaltlich mag das kaum einen Unterschied machen. Der Teufel steckt hier im grammatikalischen Detail, und zwar in der Beugung, also wie sich die beiden Pronomen ändern, wenn z.B. von diesem und jenem die Rede ist. Und da gibt es einen großen Unterschied: Während dieser, diese, dieses analog zum bestimmten Artikel der, die, das durch die Fälle wandert, wird jener, jene, jenes wie ein Adjektiv behandelt.

Fall Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Nominativ Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Genetiv Des, der, des Dieses, dieser, dieses Jenen, jener, jenen
Dativ Dem, der, dem Diesem, dieser, diesem Jenem, jener, jenem
Akkusativ Den, die, das Diesen, diese, dieses Jenen, jene, jenes

Na gut, wenn man sich die Tabelle anschaut, sieht das doch trotzdem alles ziemlich ähnlich aus – warum schreibe ich also darüber?

Fall Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Nominativ Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Genetiv Des, der, des Dieses, dieser, dieses Jenen, jener, jenen
Dativ Dem, der, dem Diesem, dieser, diesem Jenem, jener, jenem
Akkusativ Den, die, das Diesen, diese, dieses Jenen, jene, jenes

Wegen des einzigen, aber häufig falsch verwendeten, Unterschieds im männlichen und sächlichen Genetiv Singular: Korrekt muss es heißen zu Beginn dieses Jahres und nicht zu Beginn diesen Jahres. Eben darum, weil es auch heißt zu Beginn des Jahres (und nicht zu Beginn den Jahres).
Achtung, und da wird es gemein: Spricht man über das Vorjahr, heißt es korrekt zu Beginn letzten Jahres (weil letzter ein Adjektiv ist und eben als solches und nicht wie ein Artikel gebeugt wird). Fügt man hier den ausgelassenen Artikel ein, wird es klarer: zu Beginn des letzten Jahres.