Aufgeesst!

Lesedauer: 2 Minuten

Ich bin immer wieder fasziniert vom kindlichen Spracherwerb. Mit welcher Leichtigkeit (und völlig ohne intellektuelle Kontrolle) dabei von Kleinkindern grammatikalische und sprachliche Regeln erkannt und ganz intuitiv angewendet werden. Zum Beispiel beim Konjugieren der Verben durch die Zeiten.

Bei regelmäßigen Verben wird im Deutschen in der ersten Person (also ich…) die einfache Vergangenheitsform durch Einfügen eines t gebildet: ich spiele – ich spielte. Das Partizip Perfekt Passiv (wichtig für die beiden anderen Vergangenheitsformen mit haben) wird durch die Vorsilbe ge- und ein -t am Ende gebildet: ich habe/hatte gespielt.

Dieses Muster wird von Zwei- bis Dreijährigen sehr schnell erkannt und konsequent angewendet: „Wir haben auf dem Bett getobt.“ Oder: „Ich habe Timmi einen Keks geschenkt.“ Die Trefferquote ist erstaunlich hoch, wenn man bedenkt, dass gerade die häufigsten und fundamentalen Tätigkeiten eines Kindes unregelmäßig gebildet werden: essen, aß, gegessen – trinken, trank, getrunken – laufen, lief, gelaufen – vorlesen, vorlas, vorgelesen – fahren, fuhr, gefahren – sehen, sah, gesehen.

Sollte Euer Kind deshalb bei seinen ersten Wörtern oder Sätzen mal stolz sagen: „Ich habe alles aufgeesst“, dann lobt es innerlich dafür, dass es die Regel schon erkannt hat und bestätigt liebevoll: „Stimmt, Du hast alles aufgegessen.“

Denn vielleicht wird irgendwann einmal aus diesem starken auch ein schwaches Verb, das nur noch regelmäßig gebeugt wird. So wie es dem Fragen und dem Backen bereits passiert ist, denn die Zeiten sind vorbei, in dem jemand nach einem Rezept frug und anschließend einen Kuchen buk

PS: Und um das auch noch klarzustellen: Niesen ist ein schwaches Verb, das als Partizip ganz regelkonform zu nieste, geniest gebeugt wird. Die Partizipialform genossen gehört zum Infinitiv genießen!

Zurück aus der Sommerpause

Lesedauer: 3 Minuten

Die Wortfrau meldet sich zurück aus der Sommerpause. Und nimmt das direkt zum Anlass, über eine wunderbare Fähigkeit der deutschen Sprache zu schreiben: nämlich beliebige Hauptwörter aneinander zu reihen ohne irgendeine Abhängigkeit oder Beziehung zu benennen, außer aus dem Kontext des letzten Wortteils. Dieser bestimmt das grammatikalische Geschlecht und den Zusammenhang des Kompositums (so der Fachbegriff). Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich von einer Weinflasche oder einem Flaschenwein spreche.

Doch nur aufgrund von Lebenserfahrung weiß ich, dass eine Glasflasche nichts über den Inhalt, sondern nur über das Material des Gefäßes aussagt. Eine Wasserflasche hingegen kann aus Glas, Kunststoff, sogar Metall sein. Und bei der Ballonflasche erfahre ich weder etwas über Inhalt noch das Material, sondern habe nur eine bestimmte Form vor Augen.

Zurück zur Sommerpause: üblicherweise ist damit die Pause von irgendetwas während des Sommers gemeint, zum Beispiel Fernsehsendungen, Politikbetrieb, Nutzung des Gehirns vor dem Posten auf Facebook (scnr).
Es könnte aber der erste Wortteil auch den Zweck näher benennen: Bei der Frühstückspause unterbreche ich meine Arbeit, um etwas zu essen. Also habe ich Pause gemacht, um den Sommer zu genießen? Ja, auch.

Bei der Arbeitspause hingegen mache ich Pause von der Arbeit. Aber Pause vom Sommer war es definitiv nicht, es gab reichlich Sonnenschein und warme Tage!

Oder könnte es sein, dass die Pause aus Sommer bestand, also etwas über den Inhalt oder die Beschaffenheit aussagt? So wie Sonnenblumenöl aus Sonnenblumenkernen gepresst wird. Ja, das Wetter der letzten Wochen bestand schon überwiegend aus sommerlichen Zutaten…

Aber was ist dann mit Babyöl? Glücklicherweise wird das nicht aus Babys gemacht.

Der erste Wortteil kann nämlich auch näher bestimmen, für wen etwas bestimmt ist. War also die Pause für den Sommer bestimmt, damit er sich mal vom Wetter erholen kann?

In den allermeisten Fällen werden uns unsere Lebenserfahrung und der Zusammenhang dabei helfen, bei Hundekuchen nicht Vierbeiner als Hauptzutat zu vermuten. Aber der beliebte Sandkuchen hat schon manchen kindlichen Sprachanfänger skeptisch gucken lassen. Manchmal kann es deshalb sinnvoll sein, die Wörter zu trennen, um Zweideutigkeiten zu vermeiden: Öl für das Baby; Flasche aus Glas; Pause, um zu pinkeln.

Die Überschrift dieses Beitrags würde ich dann wie folgt ändern: Zurück aus der Pause von der Arbeit, während der ich den Sommer genossen habe.:-)