Die Qual des Autors

Lesedauer: 2 Minuten

Eine meiner Grundüberzeugungen als Journalistin und Lektorin ist, dass sich beim Schreiben und Lesen immer nur einer quälen sollte, und zwar der Schreiber. Der fertige Text muss so klar, dass der Leser ihn ohne großes Nachdenken vollständig erfassen kann (wenn ihn das Thema interessiert). Im Internet gilt sogar die goldene Regel „don’t make me think“ – denn bevor der Seitenbesucher darüber nachdenken muss, wo er jetzt die gesuchte Information auf der Seite wohl finden könnte, ist er meist schon wieder weg.

Deshalb singe ich auch das hohe Lied der korrekten Zeichensetzung. Kommata und andere Satzzeichen helfen nicht nur beim Strukturieren eines Textes, sie machen auch die inhaltliche Erfassung einfacher – wenn sie an der richtigen Stelle sitzen.

Auch von konsequenter Klein- oder Großschreibung rate ich ab. Gerade Vielleser erfassen nicht einzelne Wörter (geschweige denn Buchstaben), sondern oft komplette Sätze. Und der wiedererkennungseffekt bei korrekter groß- und kleinschreibung ist um ein vielfaches höher als bei individueller auslegung der orthografie. Außerdem mag ich nicht in einem Fließtext ANGEBRÜLLT werden.:-o

Ja, manchmal ist es eine Quälerei, bis der Text fertig ist und sich so liest und anfühlt, wie man sich das vorgestellt hat. (Gutes Testmittel: Einmal den Text laut vorlesen, dann findet man Stolperstellen schnell und auch Tippfehler werden nicht so einfach überlesen). Manchmal hilft es auch, mal eine Pause einzulegen und den Text einen Tag beiseite zu legen und sich dann erneut vorzunehmen.

Aber jeder, der schreibt, sollte sich immer wieder bewusstmachen, dass wir alle viel mehr lesen als schreiben. Wir schreiben einmal Olivenöl auf den Einkaufszettel und haben im Supermarkt die Auswahl zwischen zehn verschiedenen Marken.
Von einer Person geschrieben, wird ein Text vielleicht von Dutzenden oder sogar Hunderten Besuchern gelesen. Und wenn sich nur jeder Zehnte dann nicht über fehlende Kommata ärgern muss, ist das doch die Quälerei wert, oder?

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