Eine Verbeugung vor der Sprache

Lesedauer: 3 Minuten

Wir tun es täglich, ohne dass es uns bewusst ist – wir (ver)beugen uns vor der Sprache. Denn ohne die Beugung (Lat. Deklination) von Substantiven funktioniert die deutsche Sprache nur halb so gut (und sie ist eine der großen Herausforderungen für alle, die Deutsch nicht als Muttersprache erlernen).

Je nachdem, welche Rolle wir einem Wort zuweisen, müssen wir seine Endung ändern (zumindest beim Artikel). Der Mann liebt die Frau ist eben eine andere Aussage als Die Frau liebt den Mann (vom Inhaltlichen mal ganz zu schweigen… ;-).

Im Deutschen gibt es vier Rollen, genannt Fälle, die Substantive einnehmen können. Der Nominativ spielt quasi die Hauptrolle, jede handelnde Person, Subjekt genannt, wird im Nominativ gebildet: „Der Mann liebt.“ (Oder im Plural „Die Männer lieben“.)
Die wichtigsten Nebenrollen haben der Akkusativ und der Dativ inne. Denn jedem Verb im Deutschen wird ein nachfolgendes Objekt (der Handlung) zugewiesen, entweder im Akkusativ oder im Dativ. Wen oder was liebt der Mann? fragt nach dem Akkusativ. Wem gehört die Liebe des Mannes? fragt nach dem Dativ.

Aber nicht nur für jedes Verb gibt es einen festgelegten Folgefall, auch Präpositionen (Verhältniswörter, z.B. an, auf, unter) ist in der Regel festgelegt, welcher Fall zu folgen hat. Nettes Gimmick der deutschen Sprache: Man kann bei vielen Präpositionen am Fall unterscheiden, ob man einen Ort oder eine Richtung ausdrücken will. Die Richtung wird mit Akkusativ gebildet, der Ort mit Dativ. Ich gehe auf die Straße (Richtung), aber Ich gehe auf der Straße spazieren (Ort). Das Publikum sitzt vor dem Vorhang (Ort), die Schauspieler treten vor den Vorhang (Richtung).

Doch zurück zu den Fällen, denn da fehlt doch noch einer? Vor fast 20 Jahren setzte Bastian Sick mit seiner Zwiebelfisch-Kolumne und der daraus folgenden Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod dem zweiten Fall, dem Wes-Fall, ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich kommt der Genitiv etwas gespreizt daher. Er verweigert Verben die plumpe Gefolgschaft und auch bei Präpositionen behält er sich eine kleine, aber feine Gesellschaft vor (während, in Folge, wegen, um… Willen). Der Wes-Fall kennzeichnet hauptsächlich Zugehörigkeiten (und wird da umgangssprachlich häufig von „dem seine“ ersetzt). Ein minimaler Satzbau kommt deshalb häufig ohne ihn aus. Hinzukommt, dass Behörden und Institutionen den Genitiv lieben (vor allem in Kombination mit Substantivierungen), was dazu beiträgt, Genitiv-Konstruktionen als monströs und wenig konkret zu empfinden: die Anordnung der Aufhebung des Erlasses… verführt niemanden zum Weiterlesen. Dabei tut man dem armen Genitiv ein wenig Unrecht, denn eigentlich will er doch nur auf prägnante Weise Beziehungen deutlich machen: Der Mann liebt die Herzensgüte der Frau.

Texte sind Kino im Kopf

Lesedauer: <1 Minute

Ich habe es ja schon mal kurz angedeutet: Jedes gelesene Wort erzeugt sofort ein Bild im Kopf. Und das gilt nicht nur für Romane und Gedichte, sondern auch für Sachtexte oder kurze Beschreibungen auf der Internetseite.
Wie das funktioniert, zeige ich hier mal an dem Beispiel einer recht abstrakten Ausgangsinformation, die je nach verwendeten Synonymen oder auch zusätzlichen beschreibenden Adjektiven ganz unterschiedliche Bilder und Stimmungen beim Leser erzeugt.

Die Ausgangsinformation: An einem Waldrand steht ein Gebäude.

Varianten:

  • Am Rand des Tannenwaldes steht ein Haus.
  • Fröhlich leuchten die roten Fensterrahmen des Einfamilienhauses vor dem Hintergrund des sattgrünen Buchenwaldes.
  • Die elegante Villa am Waldrand besitzt 20 Zimmer.
  • Wie ein verwunschenes Hexenhaus duckt sich die Kate unter die Bäume des Waldrands.
  • Die eingefallenen Ruinen der Fabrik locken Tiere und Vögel aus dem nahegelegenen Wald.
  • Vier Fenster hat das Haus nach vorne, mit denen es Besucher freundlich anschaut. Der hintere Teil ist wegen des umgebenden Waldes noch nicht zu erkennen.
  • Die gehobene Immobilie in ruhiger Lage mitten in der Natur wurde im Jahr 1980 erbaut.
  • In der mondlosen Nacht ist die heruntergekommene Baracke vor den dunklen Schatten der Tannen und Fichten kaum zu erkennen.
  • Das ehemalige Heim der Familie ist mittlerweile von den Ausläufern des nahen Waldes fast vollständig umgeben.
  • Ein mondänes Herrenhaus in viktorianischem Baustil erhebt sich vor der Silhouette des nahen Eichenwalds.

Fallen Euch noch weitere Varianten ein?

Die Qual des Autors

Lesedauer: 2 Minuten

Eine meiner Grundüberzeugungen als Journalistin und Lektorin ist, dass sich beim Schreiben und Lesen immer nur einer quälen sollte, und zwar der Schreiber. Der fertige Text muss so klar, dass der Leser ihn ohne großes Nachdenken vollständig erfassen kann (wenn ihn das Thema interessiert). Im Internet gilt sogar die goldene Regel „don’t make me think“ – denn bevor der Seitenbesucher darüber nachdenken muss, wo er jetzt die gesuchte Information auf der Seite wohl finden könnte, ist er meist schon wieder weg.

Deshalb singe ich auch das hohe Lied der korrekten Zeichensetzung. Kommata und andere Satzzeichen helfen nicht nur beim Strukturieren eines Textes, sie machen auch die inhaltliche Erfassung einfacher – wenn sie an der richtigen Stelle sitzen.

Auch von konsequenter Klein- oder Großschreibung rate ich ab. Gerade Vielleser erfassen nicht einzelne Wörter (geschweige denn Buchstaben), sondern oft komplette Sätze. Und der wiedererkennungseffekt bei korrekter groß- und kleinschreibung ist um ein vielfaches höher als bei individueller auslegung der orthografie. Außerdem mag ich nicht in einem Fließtext ANGEBRÜLLT werden.:-o

Ja, manchmal ist es eine Quälerei, bis der Text fertig ist und sich so liest und anfühlt, wie man sich das vorgestellt hat. (Gutes Testmittel: Einmal den Text laut vorlesen, dann findet man Stolperstellen schnell und auch Tippfehler werden nicht so einfach überlesen). Manchmal hilft es auch, mal eine Pause einzulegen und den Text einen Tag beiseite zu legen und sich dann erneut vorzunehmen.

Aber jeder, der schreibt, sollte sich immer wieder bewusstmachen, dass wir alle viel mehr lesen als schreiben. Wir schreiben einmal Olivenöl auf den Einkaufszettel und haben im Supermarkt die Auswahl zwischen zehn verschiedenen Marken.
Von einer Person geschrieben, wird ein Text vielleicht von Dutzenden oder sogar Hunderten Besuchern gelesen. Und wenn sich nur jeder Zehnte dann nicht über fehlende Kommata ärgern muss, ist das doch die Quälerei wert, oder?

Wenn Sprache als Verkleidung genutzt wird

Lesedauer: 3 Minuten

Wer von seinen Lesern verstanden werden will, sollte so konkret wie möglich schreiben. Denn ganz automatisch und unbewusst versucht das Gehirn beim Lesen alle aufgenommenen Wörter in Bilder zu übersetzen. Und je besser und genauer die Bilder sind, die im Lesergehirn erzeugt werden, umso einfacher wird der Inhalt behalten und verstanden.
Fun fact am Rande: Für das Wort „nicht“ gibt es kein Bild – deshalb bleibt im Gehirn bei Aufforderungen oder Anweisungen mit „nicht“ eher positive Aussage hängen als dessen Verneinung. So ist es erfolgversprechender zu rufen: „Steig auf die dicken Zweige!“ statt zu sagen „Steig nicht auf die dünnen Zweige!“.

Dabei scheint der Trend im Zuge von Political Correctness zu immer mehr Abstrahierungen und Verallgemeinerungen zu gehen. An Niederschlag, Erziehungsberechtigte und Studierende haben wir uns im Wetterbericht, Mitteilungen der Schule und Nachrichten gewöhnt. Und trotzdem erzählen wir Freunden eher vom Wolkenbruch, regen uns über unfähige Mit-Eltern auf oder lästern über Studenten, die bis mittags schlafen.

Wunderbar verschleiern kann man Aussagen und Informationen durch Substantivierungen. Sehr beliebt sind sie z.B. als Stichworte in Meetingprotokollen. Doch mangelt es dann dort häufig an der konkreten Aufgabe (und niemand fühlt sich zuständig). Wurde nur notiert „Klärung der Dekoration“, weiß nach zwei Wochen schon niemand mehr, ob das nun das Ergebnis oder das To-do war – und wenn letzteres, wer es eigentlich machen soll (geschweige denn bis wann und mit welchem Budget…). Zugegeben, mit entsprechende Spalten in der Protokollvorlage kann man sich helfen, aber was spricht gegen den einfachen Satz: „Uwe kümmert sich bis zum nächsten Treffen darum, dass das Budget für die Dekoration geklärt ist“?  Das können sich dann sogar alle Teilnehmer ohne Protokoll merken. 😉

Substantivierungen werden aber auch gerne bei Meinungsmache und diffusen Behauptungen benutzt. So wie in der Überschrift des Artikels. Ich muss nicht sagen, wer tatsächlich die Sprache als Verkleidung benutzt (und die aktive Formulierung wenn Sprache sich verkleidet ist sogar falsch, denn wir Menschen benutzen ja die Sprache, nicht sie sich selbst). Ich behaupte das einfach, am besten noch als Passivkonstruktion, was immer eine gewisse Hilflosigkeit und Opferrolle signalisiert, und schon steht die Aussage in der Welt.
Die Steigerung wäre dann die Ergänzung Immer mehr, die suggeriert, dass sich da etwas (Ungutes) entwickelt. Diese Unart kommt leider aus dem Journalismus: Damit ein Thema eine Meldung wert ist, muss ein neuer Aspekt oder eine Veränderung benannt werden – denn wenn es genauso ist wie früher, ist es keine Nachricht wert.

„Iss, was gar ist, trink, was klar ist, sprich, was wahr ist“ soll Martin Luther geraten haben. Da ich hochprozentigen Schnaps überhaupt nicht trinke, würde ich es so umformulieren: „Iss, was gar ist, sprich, was wahr ist, schreib, was klar ist.“

Eine Frage des Geschlechts

Lesedauer: 3 Minuten

Schon als Kind habe ich James Krüss geliebt. Das Buch „Mein Urgroßvater und ich“ hat mir erste Einblicke in die Schönheit und Kraft von Wörtern gegeben (die viel mehr sind als Schall und Rauch). Besonders angetan hatte es mir die Geschichte von den Wipp-Wapp-Häusern, die erzählt, wie Sprachgelehrte aus aller Welt versuchten, sinnvoll das grammatikalische Geschlecht (Genus) für die Wörter ihrer Muttersprache festzulegen.

Der Engländer zum Beispiel machte es sich einfach und legte fest, dass alles „the“ heißt. Der chinesische Abgesandte (und mit ihm einige andere) ließ den Artikel ganz weg, denn „weise Leute wüssten von selbst, ob ein Hauptwort männlich, weiblich oder sächlich sei“. Die Italiener, Franzosen, Spanier und Portugiesen und etliche andere Sprachgelehrte einigten sich auf nur zwei Geschlechter und waren ebenfalls schnell fertig.

Zu guter Letzt blieben die deutschsprachigen Vertreter übrig, und es begann eine intensive Diskussion (beispielsweise hier nachzulesen) über jedes einzelne Wort. Jedes behandelte Wort wurde dabei auf einen Stein geschrieben und in einen von drei Körben geworfen. Dabei war es eigentlich so gedacht, dass die Verteilung der Wörter auf die Geschlechter gleichmäßig erfolgen sollte (denn man befand sich auf einer riesigen Wippe, dem Überrest des Babylonischen Turmes), aber hin und wieder kam es vor, dass ein Korb ein gefährliches Übergewicht bekam, und so landeten – um einen Absturz zu verhindern – auch immer wieder Wörter aus dem gleichen Zusammenhang in ganz unterschiedlichen Körben. Und nur so ist es zu erklären, dass es im Deutschen bis heute der Mund, die Nase, das Auge sowie das Ohr, der Hals und die Stirn heißt.

Als Kind fand ich das absolut einleuchtend. 🙂

Aber da ich es liebe, Regelmäßigkeiten und Muster zu erkennen, habe ich mich damit doch im späteren Leben nicht zufrieden gegeben und doch ein paar Regeln gefunden, nach denen man mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit (Ausnahmen bestätigen dabei fast immer die Regel) das Geschlecht eines Wortes an seiner Endung erkennen kann.

So ist es recht wahrscheinlich, dass es sich bei Worten mit der Endung –ling (der Frühling), -ich oder –ig (der Teppich, der König), auf –el (der Vogel), -er (der Lehrer) oder -us (der Korpus) um maskuline Worte handelt.  

Ebenfalls hohe Trefferquoten erzielt die Annahme, dass man bei Worten mit den Endungen –ung (die Heizung), –schaft (die Belegschaft), –heit/-keit (die Gesundheit, die Fröhlichkeit), –tät (die Universität) und –ik (die Musik), –anz/-enz (die Akzeptanz, die Essenz), -ie (die Phantasie) und -e (die Flasche – prominente Ausnahmen: der Drache und das Auge) feminine Worte vor sich hat.

Typisch wiederum für neutrale Nomen sind die Endungen –um (das Universium), –ment (das Experiment) und –ma (das Thema) sowie immer die Verniedlichungsendungen -chen/-lein (das Mädchen, das Schneiderlein). Auch substantivierte Verben (das Sitzen, das Schreiben) sind immer sächlich.

Warum es aber die Uhr, der Stein oder das Buch heißt, ist ein weites Feld für Sprachforscher und Etymologen. Und ob das einen Einfluss auf die Wahrnehmung hat, weil wir unbewusst diesen Gegenständen entsprechend weibliche oder männliche Attribute zusprechen, hat sogar schon Forscher interessiert.

Bemerkenswert finde ich allerdings, dass im Deutschen im Gegensatz zu vielen Sprachen drumherum die Sonne weiblich und der Mond männlich ist.

Dies und das

Lesedauer: 1 Minute

Oder lieber dieses und jenes? Inhaltlich mag das kaum einen Unterschied machen. Der Teufel steckt hier im grammatikalischen Detail, und zwar in der Beugung, also wie sich die beiden Pronomen ändern, wenn z.B. von diesem und jenem die Rede ist. Und da gibt es einen großen Unterschied: Während dieser, diese, dieses analog zum bestimmten Artikel der, die, das durch die Fälle wandert, wird jener, jene, jenes wie ein Adjektiv behandelt.

Fall Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Nominativ Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Genetiv Des, der, des Dieses, dieser, dieses Jenen, jener, jenen
Dativ Dem, der, dem Diesem, dieser, diesem Jenem, jener, jenem
Akkusativ Den, die, das Diesen, diese, dieses Jenen, jene, jenes

Na gut, wenn man sich die Tabelle anschaut, sieht das doch trotzdem alles ziemlich ähnlich aus – warum schreibe ich also darüber?

Fall Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Nominativ Der, die, das Dieser, dieses, dieses Jener, jene, jenes
Genetiv Des, der, des Dieses, dieser, dieses Jenen, jener, jenen
Dativ Dem, der, dem Diesem, dieser, diesem Jenem, jener, jenem
Akkusativ Den, die, das Diesen, diese, dieses Jenen, jene, jenes

Wegen des einzigen, aber häufig falsch verwendeten, Unterschieds im männlichen und sächlichen Genetiv Singular: Korrekt muss es heißen zu Beginn dieses Jahres und nicht zu Beginn diesen Jahres. Eben darum, weil es auch heißt zu Beginn des Jahres (und nicht zu Beginn den Jahres).
Achtung, und da wird es gemein: Spricht man über das Vorjahr, heißt es korrekt zu Beginn letzten Jahres (weil letzter ein Adjektiv ist und eben als solches und nicht wie ein Artikel gebeugt wird). Fügt man hier den ausgelassenen Artikel ein, wird es klarer: zu Beginn des letzten Jahres.

Das Maß aller Dinge

Lesedauer: <1 Minute

Ups, da habe ich doch neulich geschrieben, „dass generell bei Maßeinheiten nicht die Mehrzahl verwendet wird“. Meine Beispiele waren Hektar, Meter, Kilogramm oder Euro.

Tatsächlich habe ich dann mal die Grammatikregel 90 in meinem Duden nachgelesen und fand mich einerseits bestätigt, dass Maß-, Mengen- und Währungsbezeichnungen allgemein nicht gebeugt werden. Aber andererseits las ich die Erklärung einer Ausnahme, auf die ich auch schon beim Überprüfen meiner Behauptung gestoßen war: „Weibliche Bezeichnungen, die auf -e enden, werden immer gebeugt“. Deshalb heißt beispielsweise zwei Tonnen oder 100 norwegische Kronen. Aber es bleibt bei 20 Dollar, 5 Grad Außentemperatur oder 10 Paar Schuhen.

Und manchmal entstehen in der Alltags- und Umgangssprache ganz eigene Pluralbildungen: Der Euro bekommt nicht nur gerne mal als Euros ein -s angehängt, wenn es um mehrfaches Vorhandensein geht, sondern salopp spricht man auch schon mal von Euronen.

(M)ein monatliches Ärgernis

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Eigentlich ist es ganz einfach: Es gibt eine Regel und sie gilt tatsächlich ohne Ausnahme (und das ist, gerade für Sprachen und speziell für die deutsche, wirklich ziemlich außergewöhnlich!).

Die Regel lautet:  Für alle Zeiteinheiten von der Sekunde bis zum Jahr gilt, dass die Endsilbe -lich die Frequenz und die Endsilbe -ig die Dauer eines Ereignisses angibt.

Wenn vom täglichen Wetterbericht oder von der 14-tägigen Reise die Rede ist, verwendet das jeder intuitiv korrekt (und die meisten vermutlich ohne näher darüber nachzudenken). Auch das zehnjährige Kind oder die stündliche Abfahrt sind recht geläufig. Der 30-sekündige Werbespot ist da vielleicht schon seltener. Und dass jemand, der sehnlichst erwartet wird, sekündlich eintreffen kann, denken vermutlich die wenigsten.

Ins Stolpern geraten jedoch viele, wenn es um regelmäßige Termine gibt, die z.B. alle zwei Wochen stattfinden: Dann steht da oft 14-tägig. Aber das würde eben – siehe oben – eine Veranstaltungslänge von 14 Tagen bedeuten und nicht die Wiederholung der Veranstaltung nach 14 Tagen. (Was bei Reisen durchaus üblich ist, beim Skatabend eher weniger.)

Wem 14-täglich aber trotzdem schwer über die Lippen geht, weil es so ungewohnt ist, kann entweder den Turnus erhöhen (bei wöchentlichen Veranstaltungen ist eine Verwechslung mit einwöchigen Veranstaltungen nahezu auszuschließen;-). Oder er verwendet alternativ die Redewendung alle xx Tage/Wochen/Monate.

Jeden Morgen geht die Sonne auf

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Jeden Morgen geht die Sonne auf

Oft stolpere ich über Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache beim Formulieren neuer Texte. So wollte ich mich neulich über das montägliche Gejammer zum Beginn der neuen Woche aufregen (hat man nicht eindeutig den falschen Beruf, wenn der Start in die Arbeitswoche immer so schrecklich ist – und sollte man dann nicht lieber daran etwas ändern als darüber zu lamentieren? Aber das wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag…).

Kein Plural von Morgen?!

Jedenfalls wollte ich schreiben, dass ich mich schon viele Morgen darüber geärgert hätte. Und dann bin ich an dem Wort „Morgen“ hängen geblieben, das sich im Plural sehr seltsam anhörte und -fühlte. Und tatsächlich: Ich kann problemlos von „allen Tagen“ oder „den meisten Abenden“ schreiben, aber „an allen Morgen“ ist seeehr – ungebräuchlich. Ich habe dann im Duden nachgeschlagen: Es ist nicht falsch, es gibt einen Plural von Morgen und er lautet „die Morgen“ – aber aus dem Sprachgebrauch ist er völlig verschwunden. (Oder er war nie drin, das habe ich noch nicht herausgefunden.)

Auch das Flächenmaß „Morgen“ war in Deutschland nur bis vor etwa 120 Jahren gebräuchlich. Tatsächlich beruht die Festlegung der Einheit darauf, welche Fläche mit einem einscharigen Pferdepflug an einem Vormittag gepflügt werden kann. Und dies war – je nach Beschaffenheit des Bodens – recht unterschiedlich, zwischen etwa einem Viertel und einem halben Hektar. Im Zusammenhang mit „drei Morgen Land“ klingt der Plural auch nicht ungewöhnlich im Ohr – generell werden Maßeinheiten ja nicht in der Mehrzahl verwendet, sondern es heißt (fast) immer Meter, Kilogramm oder Euro.

Zurück zur Tageszeit, um die es eigentlich in diesem Beitrag gehen soll. Es gibt natürlich Möglichkeiten, zumindest Regelmäßigkeiten am Morgen auszudrücken: Durchaus üblich ist die Wendung jeden Morgen oder immer morgens.

Generell habe ich hier übrigens über „der Morgen“ geschrieben. „Das Morgen“ als Synonym für die Zukunft gibt es tatsächlich nur im Singular – genauso wie das „das Gestern“ und „das Heute“.