Hätte, hätte…

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2020 wird als Jahr des Konjunktivs in die Geschichte eingehen. Nun, würde es vielleicht, wenn es Covid-19 nicht gegeben hätte. Aber dann wäre es auch kein Jahr der Konjunktive geworden. Womit wir schon mitten beim Thema wären: Spätestens jetzt im Mai denke ich bei jedem Blick in den Kalender: Heute hätten wir… Nächste Woche wären wir…

Und da behauptet doch mein Grammatikbuch: „Im Vergleich mit den indikativischen Formen stellen konjunktivische eher die Ausnahme dar.“ (Gut, der Duden ist aus der Vor-Coronazeit – ich möchte behaupten, es war noch nie so viel Hätte, hätte wie heute.)

Dieser so genannte Konjunktiv II drückt „Irrealitäten und Potenzialitäten“ aus und (ich muss einfach nochmal den Duden zitieren) er „dient als Zeichen dafür, dass der Sprecher/Schreiber seine Aussage nicht als Aussage über Wirkliches, über tatsächlich Existierendes verstanden wissen will, sondern als eine gedankliche Konstruktion…“ Mmh. Bis vor acht Wochen waren Eintrittskarten für ein Fußballspiel der Euro 2020 oder das Festival Rock am Ring doch deutlich mehr als eine gedankliche Konstruktion?! Aber nun sind sie nur noch Fiktion, gebunden an den Konditionalsatz „Wenn der Virus nicht wäre, dann könnten wir …“

Hätte, hätte, Fahrradkette… sagt der Volksmund lapidar, um zu beschreiben, dass das Geschehene nun mal nicht zu ändern ist. Aber wenigstens  habe ich jetzt nochmal nachgeschlagen, dass dieser – im Jahr 2020 doch sehr häufig genutzte – Konjunktiv auch Cuniunctivus irrealis oder Coniunctivus potentialis genannt wird.

Und was ist mit dem Konjunktiv I (ich sei, er möge, du habest)? Er wird besonders oft und regelmäßig in der indirekten Rede gebraucht, zum Beispiel in Zeitungsartikeln oder sonstigen Berichten über vergangene Ereignisse. Und außerdem in mathematischen Fachtexten, in Anweisungen und Anleitungen wie zum Beispiel Kochrezepten: „Man nehme 500 g Mehl…“

Eine Verbeugung vor der Sprache

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Wir tun es täglich, ohne dass es uns bewusst ist – wir (ver)beugen uns vor der Sprache. Denn ohne die Beugung (Lat. Deklination) von Substantiven funktioniert die deutsche Sprache nur halb so gut (und sie ist eine der großen Herausforderungen für alle, die Deutsch nicht als Muttersprache erlernen).

Je nachdem, welche Rolle wir einem Wort zuweisen, müssen wir seine Endung ändern (zumindest beim Artikel). Der Mann liebt die Frau ist eben eine andere Aussage als Die Frau liebt den Mann (vom Inhaltlichen mal ganz zu schweigen… ;-).

Im Deutschen gibt es vier Rollen, genannt Fälle, die Substantive einnehmen können. Der Nominativ spielt quasi die Hauptrolle, jede handelnde Person, Subjekt genannt, wird im Nominativ gebildet: „Der Mann liebt.“ (Oder im Plural „Die Männer lieben“.)
Die wichtigsten Nebenrollen haben der Akkusativ und der Dativ inne. Denn jedem Verb im Deutschen wird ein nachfolgendes Objekt (der Handlung) zugewiesen, entweder im Akkusativ oder im Dativ. Wen oder was liebt der Mann? fragt nach dem Akkusativ. Wem gehört die Liebe des Mannes? fragt nach dem Dativ.

Aber nicht nur für jedes Verb gibt es einen festgelegten Folgefall, auch Präpositionen (Verhältniswörter, z.B. an, auf, unter) ist in der Regel festgelegt, welcher Fall zu folgen hat. Nettes Gimmick der deutschen Sprache: Man kann bei vielen Präpositionen am Fall unterscheiden, ob man einen Ort oder eine Richtung ausdrücken will. Die Richtung wird mit Akkusativ gebildet, der Ort mit Dativ. Ich gehe auf die Straße (Richtung), aber Ich gehe auf der Straße spazieren (Ort). Das Publikum sitzt vor dem Vorhang (Ort), die Schauspieler treten vor den Vorhang (Richtung).

Doch zurück zu den Fällen, denn da fehlt doch noch einer? Vor fast 20 Jahren setzte Bastian Sick mit seiner Zwiebelfisch-Kolumne und der daraus folgenden Buchreihe Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod dem zweiten Fall, dem Wes-Fall, ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich kommt der Genitiv etwas gespreizt daher. Er verweigert Verben die plumpe Gefolgschaft und auch bei Präpositionen behält er sich eine kleine, aber feine Gesellschaft vor (während, in Folge, wegen, um… Willen). Der Wes-Fall kennzeichnet hauptsächlich Zugehörigkeiten (und wird da umgangssprachlich häufig von „dem seine“ ersetzt). Ein minimaler Satzbau kommt deshalb häufig ohne ihn aus. Hinzukommt, dass Behörden und Institutionen den Genitiv lieben (vor allem in Kombination mit Substantivierungen), was dazu beiträgt, Genitiv-Konstruktionen als monströs und wenig konkret zu empfinden: die Anordnung der Aufhebung des Erlasses… verführt niemanden zum Weiterlesen. Dabei tut man dem armen Genitiv ein wenig Unrecht, denn eigentlich will er doch nur auf prägnante Weise Beziehungen deutlich machen: Der Mann liebt die Herzensgüte der Frau.